Wenn Papa ein Pflegevater ist

Das Jugendamt im Landkreis Ammerland hat alle Hände voll zu tun. Der Schutz der Kinder hat für die Mitarbeiter oberste Priorität.

Immer öfter wird dem Jugendamt im Landkreis Ammerland ein Verdacht auf Kindesmisshandlung oder Vernachlässigung gemeldet: 2016 waren es 161 Benachrichtigungen, 2017 bereits 202.

Doch Vorsicht bei der Bewertung dieser Zahlen: „Sie bedeuten nicht, dass es den Kindern in vielen Familien immer schlechter geht“, betont Kreisrat Ingo Rabe. Der Leiter des Dezernats III Soziales, Jugend, Gesundheit, Ordnung und Recht der Kreisverwaltung Ammerland weiß: „Die Gesellschaft ist zum Glück für die Kinder aufmerksamer geworden.“

Fälle wie der tragische Tod des kleinen Kevin vor mehr als elf Jahren in Bremen, der von seinem Vater totgeprügelt wurde, und viele weitere Kindesmisshandlungen, die durch die Medien gegangen sind, hätten die Menschen sensibilisiert. Und Lehrer, Kindergärtner und Betreuer in der Tagespflege schauten heute noch genauer hin als vor zehn, 20 oder auch 30 Jahren.

Vernachlässigungen

 

In 20 Prozent der Fälle, in denen das Jugendamt auf einen Missstand aufmerksam gemacht wird, ist an dem Verdacht nichts dran. In 80 Prozent der Fälle werden die Jugendamtsmitarbeiter aktiv. Mal sind die Kleinen vernachlässigt, mal körperlicher oder seelischer Grausamkeit ausgesetzt. Kein Fall gleicht dem anderen, jede Situation wird von den Mitarbeitern ganz genau betrachtet. „Unseren Leuten macht keiner etwas vor“, betont Amtsleiterin Petra Knetemann. „Es geht um das Wohl der Kinder“, sagt sie. Ohne Wenn und Aber.

Je nach Situation, werden den Eltern Hilfen an die Hand gegeben, niedrigschwellige Angebote, um das Familienleben wieder zu normalisieren. Meist, so zeigt es die Erfahrung, wird die Unterstützung auch dankbar angenommen, und das Kind kann in der nun betreuten Familie bleiben. Funktioniert dies nicht, gibt es auch teilstationäre Angebote für die Eltern, so etwa bei psychischen Erkrankungen. In letzter Konsequenz gibt es aber auch die Fälle, in denen die Kinder aus den Familien genommen werden müssen. Dann stehen Pflegefamilien bereit, um die Kleinen aufzunehmen.

28 Inobhutnahmen in 2016

Doch auch im Ammerland sind die Kinder nicht vor den extremen Fällen von Misshandlungen geschützt. Dann greift das Amt sofort ein, holt das Kind aus der Familie. 2016 gab es 28 solcher Inobhutnahmen, im vergangenen Jahr bereits 49. In 80 Prozent der Fälle, so weiß Ingo Rabe zu berichten, stimmen die Eltern der Inobhutnahme zu. Verweigern die Eltern, wird ein Richter eingeschaltet. Die Betreuung der Kinder übernehmen dann Bereitschaftspflegefamilien, die auf solche Extremsituationen vorbereitet sind und die Kleinen für einige Zeit bei sich behalten. 13 gibt es im Ammerland, vier sind aktuell frei.

Von extremen Ausnahmen einmal abgesehen, bemüht sich das Amt, die Kinder wieder in ihre Familien zu zurückzuführen. In vielen Fällen funktioniert das, aber nicht in allen. Und ja, so sagt Petra Knetemann, es habe auch schon Fälle gegeben, in denen Eltern ihre Kinder nach der Rückführung wieder im Amt abgegeben hätten, weil die Zeit ohne Kind für sie einfacher war – das passiere sehr selten. „Doch es gibt bei uns nichts, was es nicht gibt“, sagt Petra Knetemann.

Aktuell betreut das Jugendamt 142 Kinder in Pflegefamilien, allerdings sind dies nicht nur Jungen und Mädchen aus dem Ammerland. Einige Plätze wurden von anderen Jugendämtern, so etwa aus Berlin oder Bremen, belegt. Dort sind Pflegefamilien noch rarer gesät als hierzulande. „Wir haben einen großen Bedarf“, wirbt Ingo Rabe um Interessenten.

Heimunterbringung

Jugendliche fühlen sich übrigens der Erfahrung nach meist in Jugendheimen mit Betreuern wohler. Um fast 50 Prozent ist diese Heimunterbringung von Jugendlichen gestiegen. 2016 waren es 79, im vergangenen Jahr bereits 137. Die Häuser halten für jeden Jugendlichen ein eigenes Zimmer vor, oft geht die Betreuung der Teenager ähnlich wie bei den Kindern in Pflegefamilien weit über die Volljährigkeit hinaus. Die Bezahlung erfolgt ebenso wie die Bezahlung der Pflegefamilien durch das Jugendamt.

Je nachdem, ob die Eltern oder eventuell der Jugendliche der Auslöser der Probleme ist, erfolgt die Heimunterbringung auch außerhalb des Landkreises. So können Jugendliche leichter dem Einfluss des Freundeskreises entzogen werden. Einige der Minderjährigen melden sich auch ganz eigenständig beim Amt und bitten um Hilfe. „Wie gesagt, jede Situation ist anders, aber wir geben unser Bestes, damit sie besser wird“, sagt die Amtsleiterin.

Quelle: nwzonline.de

https://www.nwzonline.de/autor/anuschka-kramer

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