Bremen Pflegefamilien dringend gesucht

In Niedersachsen und Bremen steigt die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die eine Pflegefamilie brauchen. Die Jugendämter finden aber nicht für alle ein neues Zuhause.

Pflegeeltern werden deshalb in beiden Bundesländern dringend gesucht. Grund für die Entwicklung ist zum einen die zunehmende Überforderung von leiblichen Eltern, zum anderen aber auch der Zuzug von minderjährigen, unbegleiteten Flüchtlingen.

Um Eltern zu entlasten und die Integration zu erleichtern, werden in Bremen deshalb auch Patenfamilien gesucht, die die Kinder zeitweise betreuen. „Wir suchen dringend Pflegefamilien und Paten“, sagt die Sprecherin der gemeinnützigen GmbH Pflegekinder in Bremen (PiB), Eva Rhode.

Nach Angaben des Landesamtes für Statistik in Niedersachsen haben die Jugendämter 8347 Kinder und Jugendliche 2016 in Obhut genommen, davon 4365 Minderjährige aus dem Ausland. Damit handelt es sich bei jedem zweiten betroffenen Kind um ein Flüchtlingskind.

Zahl der betroffenen Flüchtlingskinder in Bremen gering

Aber auch ohne die Flüchtlingskinder ist die Zahl der betroffenen Kinder und Jugendlichen im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 20 Prozent gestiegen. Zudem befanden sich im vergangenen Jahr 9546 Kinder und Jugendliche in Heimerziehung. „Es gibt einfach nicht genug Pflegefamilien in Niedersachsen“, sagt denn auch die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Kinder in Adoptiv- und Pflegefamilien in Niedersachsen, Irm Wills.

In Bremen lebten nach Angaben von PiB im vergangenen Jahr 612 Kinder und Jugendliche in 470 Pflegefamilien, davon wurden 70 neu vermittelt. Für 20 Jungen und Mädchen wird aktuell eine passende Familie gesucht. Anders als in Niedersachsen ist die Zahl der betroffenen Flüchtlingskinder in Bremen mit 35 von 625 gering.

„Für Flüchtlingskinder suchen wir vor allem Patenfamilien, die bereit sind, sich zeitweise zu kümmern“, erklärt Eva Rhode. Vor allem alleinerziehende Mütter seien nach dem Trauma der Flucht häufig überfordert und bräuchten dringend Entlastung. Dasselbe gelte für Alleinerziehende, die mit einer Krankheit kämpfen.

Zu viele regionale Unterschiede

Im vergangenen Jahr bestanden insgesamt 70 Patenschaften für die Dauer von durchschnittlich 2,4 Jahren. Das Bremer Patenschaftsprogramm soll ausgebaut werden, damit Kinder aufgefangen werden, ohne ihre Ursprungsfamilie verlassen zu müssen. Unterdessen fordert der Runde Tisch verschiedener Landesverbände von Pflege- und Adoptivfamilien in Niedersachsen bundeseinheitliche Qualitätsstandards.

„Es gibt zu viele regionale Unterschiede“, sagt der Sprecher des neu gegründeten Verbandes „Pflege- und Adoptivfamilien – Unabhängiger Landesverband“ (PAUL) in Niedersachsen, Andreas Rennhack. Vor allem bräuchten Pflegeeltern Klarheit über die Dauer des Pflegeverhältnisses. „Wir setzen auf Kontinuität“, betont Rennhack.

Das niedersächsische Sozialministerium in Hannover indes sieht keine Notwendigkeit, dem Wunsch nach einheitlichen Standards zu entsprechen. „Die niedersächsischen Handreichungen werden als Orientierungsrahmen für ausreichend erachtet“, erklärt Ministeriumssprecherin Naila Eid auf Nachfrage. „Die Jugendämter sind personell überlastet, da brauchen Pflegeeltern eine Lobby“, sagt Rennhack.

“Pflegeeltern müssen auf ihre Aufgabe vorbereitet werden”

Der ehemalige Polizist aus Tostedt ist Pflegevater zweier Kinder, die beide unter den Folgen der Alkoholkrankheit ihrer leiblichen Mutter leiden. Es sei eine Herausforderung, sich jeden Tag um Kinder mit einem solchen Handicap zu kümmern, so Rennhack, „aber es lohnt sich.“ Er jedenfalls, der noch ein erwachsenes Kind aus erster Ehe hat, hätte nie geglaubt, dass er Kinder, die nicht seine eigenen sind, so sehr lieben könne. Damit mehr betroffene Kinder vermittelt werden, will der Landesverband demnächst eine anonyme Elternbörse einrichten.

„Die Unterbringung von Kindern in einer Pflegefamilie braucht ihren Vorlauf“, erklärt Eva Rhode von PiB. „Pflegeeltern müssen auf ihre Aufgabe vorbereitet werden.“ PiB bietet Qualifikationskurse in Bremen an. In Niedersachsen wird die Weiterbildung von den Jugendämtern organisiert. Dabei geht es vor allem darum, auf die besonderen Bedürfnisse des Pflegekindes einzugehen.

Diese unterscheiden sich, je nachdem was das Kind in der Ursprungsfamilie erlebt hat. Kinder von psychisch kranken Eltern brauchen eine andere Unterstützung als Kinder von Alkohol kranken Eltern. Kinder, die körperlich oder seelisch misshandelt wurden, brauchen besonders viel Zuwendung. „Pflegekinder kann man nicht einfach bei der Oma abstellen“, weiß Andreas Rennhack.

Quelle: https://www.weser-kurier.de/region/niedersachsen_artikel,-pflegefamilien-dringend-gesucht-_arid,1699233.html

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